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Weg von… hin zu… | One World Images | Michaela Kaiser

Weg von… hin zu…

Drei Jahre unterwegs

               
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Mein erstes Leben

Ich bin Mohammed, bin Palästinenser, 28 Jahre alt und komme aus Syrien.

Ich habe an der Universität in Damaskus economic banking studiert, habe nebenbei gearbeitet, hatte ein Auto und ein eigenes Appartement. Das ist sehr ungewöhnlich für die syrische Kultur. Normalerweise bleibt man bei seinen Eltern wohnen bis man heiratet. Für mich war immer klar, dass ich mein Studium beende und in Syrien lebe.

Und dann kam der Krieg

Eines Tagen kamen Durchsagen vom Gouvernement in meinem Stadtviertel, dem Yarmouk Camp. Das ist kein Camp, wie man es sich in Deutschland vorstellt, sondern ein richtiger Stadtteil mitten in Damaskus, in dem Palästinenser und Syrer gemeinsam leben. Alle sollten das Viertel verlassen, in zwei Stunden würde bombardiert. Das hat keiner geglaubt, das konnte sich keiner vorstellen, ich natürlich auch nicht. Aber genau so war es. Mein Appartement hat es gleich erwischt. Ich bin nur noch ins Auto und weg.

Ich verlor meinen Job, bin aber immatrikuliert geblieben, da ich sonst zur Armee eingezogen worden wäre.

Ich wäre am liebsten in Syrien geblieben, aber das ging nicht mehr. Und so entschied ich mich zu reisen, „to travel“.

Ich bekam ein Drei-Monats-Visum für Dubai. Eigentlich bekommen Syrer kein Visum für Dubai. Aber dies war eine Ausnahmesituation und ich hatte Verwandte dort. In den drei Monaten hatte ich viele Vorstellungsgespräche für Jobs, denn eigentlich suchen sie solche Leute wie mich. Da ich aber aus einem Kriegsgebiet kam, hat nichts geklappt.

Der Flughafen Damaskus wurde geschlossen, die Situation immer gefährlicher und ich habe mich entschieden, illegal in Dubai zu bleiben. Zwei Jahre habe ich „schwarz“ als Fischer gearbeitet. Das gab Geld auf die Hand und ich konnte sparen, so war es am einfachsten.

Und die Flucht

Dann bin ich in Dubai zu den Behörden gegangen um zu sagen, dass ich illegal im Land bin und „ausreisen“ möchte. Das war schlimm. Sie sagten, ich hätte zwei Möglichkeiten: Entweder ich bezahle 40.000 Euro Strafe und habe die Möglichkeit, später mit einem Visum noch einmal nach Dubai einreisen zu können. Oder sie machen einen Augenscan und ich darf nie wieder im Leben nach Dubai. Wenn ich keine der Möglichkeiten annähme, käme ich 10 Jahre ins Gefängnis. Da ich das Geld nicht hatte, haben ich den Augenscan machen lassen.

Ich konnte weder in Dubai bleiben, noch konnte ich zurück nach Syrien. Da habe ich dann versucht, mit einem gefälschten Stempel im Pass nach Europa, nach Amsterdam zu kommen.

Als ich in Dubai mit viel Angst, doch noch verhaftet zu werden nach allen Passkontrollen im Flieger saß, war das das beste Gefühl seit sehr, sehr langer Zeit! Weg und nach Amsterdam!!

In der Türkei musste ich den Flieger wechseln und wurde stattdessen von zwei Leuten abgeführt – mein Stempel sei gefälscht. In einem Aufzug ging es runter in einen Raum mit vielen Kameras und einigen Immigranten. Mir ging es schlecht, ich sah mein Ziel Amsterdam schwinden, dachte aber: zumindest kann ich Asyl in der Türkei beantragen.

Es gab einen kleinen Nebenraum, in den wurde der Afrikaner geholt, der neben mir saß. Ich hörte, wie er geschlagen wurde, wie er weinte und wie die Sicherheitsleute ihn anschnauzten, er solle aufhören zu heulen, er sei doch ein Mann! Es war schrecklich. Er kam mit Tränen in den Augen zurück.

Dann wurde ich selbst abgeholt in diesen Raum, nahm vorsichtshalber vorher meine Brille ab, da ich ahnte, was kommen würde. Ich wurde gefragt, ob ich auf mein Asylersuchen verzichten würde und wieder raus aus der Türkei und zurückgehe. Nein!! Ich hätte ja zurück nach Dubai gemusst und das ging nicht. Dann hat mich ein Officer geschlagen – und ich habe aus Reflex zurück geschlagen. Daraufhin haben sie mich zu viert zusammen geschlagen.

Und weiter auf der Flucht

Als sie damit fertig waren, haben sie mich in einen anderen Raum geschleppt und ich dachte, nun ist die Tortur vorbei. Aber falsch gedacht: Mein Oberkörper wurde frei gemacht und sie versetzten mir Stromschläge. Ob ich jetzt endlich auf Asyl in der Türkei verzichten würde?!

Nach einer Woche habe ich aufgegeben. Ich war am Ende und 10 Jahre Gefängnis in Dubai schienen mir nicht so schlimm wie weiterhin diese Tortur.

Von den Behörden in Dubai wurde ich nach Beirut geschickt. Im Libanon hatte ich 24 Stunden Aufenthaltserlaubnis, dann sollte ich nach Syrien zurück. Ich bin einen Monat illegal geblieben, musste dafür Geld bezahlen, aber das war nicht so viel.

Dann wollte ich wieder einen Versuch machen, nach Amsterdam zu kommen – mit dem gleichen Pass wie vorher. Am Flughafen bin ich verhaftet worden wegen des gefälschten Stempels.

Zwei Tage war ich im Gefängnis, wurde geschlagen, aber gegen Zahlung von 700 Euro wieder frei gelassen. Sonst hätte ich einen Monat bleiben müssen. In der Zwischenzeit war mein kleiner 17-jähriger Bruder Khaleel in der Türkei angekommen und ich wollte unbedingt zu ihm, ich bin ja sein großer Bruder – aber es ging nicht.

Also beschloss ich, zurück nach Syrien zu gehen, trotz meiner vielen falschen Stempel im Pass. Ich dachte, vielleicht töten sie mich, werfen mich ins Gefängnis, wenn sie das an der Grenze sehen. Meinem Verwandten, der mich zur Grenze brachte sagte ich, dass er bei Schwierigkeiten einfach ganz viel Geld zur Bestechung anbieten soll. Aber es kam anders. Als der syrische Grenzbeamte hörte, dass die libanesischen Behörden mir die falschen Stempel verpasst hätten, sagte er nur „Fuck Lebanon!“ und hat mich durchgelassen!

Mit dem Bus

Nun war ich für eine Woche wieder in Damaskus. Machte mich dann mit dem Bus auf nach Aleppo in die Türkei zu meinem kleinen Bruder. Im Bus hatte ich viele gute Gespräche mit einer Mitreisenden, der ich auch die Telefonnummer meiner Familie gab, falls mir etwas passieren sollte. Ich war voller Angst, all die Kontrollen, die Armee, der IS. Die Frau sagte mir, dass ich keine Sorge haben müsste, das sei alles kein Problem.

Aber das stimmte nicht. An einem Kontrollpunkt der IS sahen sie meinen palästinensisch-syrischen Pass und haben sie mich als Einzigen aus dem Bus geholt. Ich solle mitkommen zum Boss. Ich hatte solche Angst.

Ich habe mich geweigert und gesagt, das sei ihr Boss, nicht meiner und ich würde nicht mitkommen. Ich wäre ihnen dann ja alleine ausgeliefert gewesen. Da hielt mir der IS-Typ das Gewehr ins Gesicht und schrie: „Are you crasy. I am ISIS!“

Da konnte ich nicht mehr, wollte nicht mehr leben. Da sprang die Frau, mit der ich die guten Gespräche hatte, zwischen den ISIS-Typen und mich und sagte: „Wenn du ihn töten willst, dann töte zuerst mich!“. Der Isis-Typ hat mich laufen lassen mit der Bemerkung, „aber nur wegen der Frau!“

In der Türkei habe ich dann endlich meinen Bruder Khaleel getroffen.

Mit dem Boot

Wir wollten weg, es gab ein smuggler-Boot für 12.000 Euro Vorauszahlung von Mersin nach Italien, aber ohne Sicherheit, dass das auch klappt. Haben weiter gesucht und einen smuggler gefunden, der für je 2000.- Euro meinen Bruder, mich und 7 weitere Leute in einem kleinen Holzboot zur nächsten Insel in Griechenland fahren wollte.

Das sah überhaupt nicht sicher aus, aber da die Insel nicht weit war, haben wir es gemacht. Nach ca. einer Stunde und ungefähr der Hälfte der Strecke ist erst der Motor ausgefallen und dann hatten wir auch noch zwei Lecks im Boot. Wir haben geschöpft und geschöpft, ich habe immer wieder versucht, den Motor anzukriegen, alles vergeblich.

Irgendwann haben wir voller Verzweiflung die griechische Küstenwache um Rettung angerufen, bekamen von ihnen aber nur zu hören:

„Sorry, you are in Turkey. Call them!“. Dann die türkische Küstenwache. Von denen hörten wir: „Sorry, you are in Greece. Call them!“ Es war so schrecklich.

Irgendwann hatte ich eine Frau am türkischen Telefon, die fragte, ob denn auch Frauen und Kinder an Bord seien. Ich habe gelogen und „ja“ gesagt und „We are dying! Please come!“.

Die Küstenwache kam und nahm uns alle an Bord. Ich bin als letzter von Bord und in dem Moment, als sie meine Hände griffen, um mich an Bord der Küstenwache zu ziehen, brach unser Boot auseinander.

Dann ein zweiter Versuch, nach Griechenland zu kommen, diesmal waren wir 30 Menschen an Bord. Auch dieses Boot war nicht seefest. Als ein griechisches Schiff kam, haben wir unser Boot selbst zerstört, damit uns die Griechen an Bord nehmen müssen und uns nicht in türkisches Gewässer zurück schleppen können. Sie brachten uns auf die Insel Samos.

Auf Samos haben wir 9 Tage draußen geschlafen, es gab schlechtes Essen, aber ich war so glücklich, dass ich nun mit meinem Bruder endlich in Europa war!

Dann wurden wir nach Athen gebracht und bekamen Flüchtlings-Aufenthalts-Status für 6 Monate mit dem Recht, Asyl zu beantragen. Da wir aber keine Arbeit finden konnten, wollten wir weiter nach Nordeuropa.

Bild auf dieser Seite: dpa/picture alliance

Zu Fuß

Auf verschiedensten Wegen versuchten wir, dorthin zu kommen. Ein Versuch war zu Fuß durch Albanien, wo wir beschossen wurden, im Gefängnis landeten und unsere Fingerabdrücke abgenommen wurden.

Hungerstreik in Athen

Da bin ich zurück nach Athen mit einem Bus und habe vier Wochen an einem Hungerstreik vor dem Parlament teilgenommen. Das war 2014.

und weiter über den Balkan bis nach Deutschland

In dieser Zeit habe ich mich um einen smuggler für meinen kleinen Bruder gekümmert und er schaffte es, mit einem französischen Pass nach München zu kommen. Ich dagegen bin mit Hilfe verschiedener Fluchthelfer durch die Balkanstaaten gekommen, im Winter und weite Strecken zu Fuß. Durch Albanien, Montenegro, Serbien. Im ersten serbischen Dorf wurde ich mit einem Stock geschlagen und hatte wieder ein Gewehr im Gesicht: „Wenn du nicht nach Montenegro zurück gehst, erschieße ich dich!“ Mein Bestechungsversuch klappte nicht und so ging ich zurück, aber nur, um es am nächsten Tag wieder zu versuchen.

. „I wanted to complete my journey! I didn’t want to give up!”

 Dann Belgrad, Budapest in Ungarn, wo wir einen Tag in einem Hostel blieben um zu sehen, ob wir verfolgt würden.

Schließlich waren wir in Wien! Für einen Tag. Und von da aus ging es nach München, wo ich am 25. Januar 2015 ankam. Dann nach Berlin, wo ich endlich Khaleel wieder sah.

Mein zweites Leben

Mittlerweile habe auch ich Asyl in Deutschland bekommen. Erstmal für drei Jahre, aber das ist nur formal, da ich Palästinenser bin, also kein Heimatland habe, in das ich abgeschoben werden kann – außer, in drei Jahren ist wieder Frieden in Syrien.

Ich bin so froh, dass ich noch am Leben bin! So viele Menschen sind auf der Flucht gestorben. Und mittlerweile ist auch der Rest meiner Familie in Deutschland, in Berlin. Sie wohnen in meiner kleinen Wohnung und ich wohne bei Freunden.

Wir sind in Deutschland, dem Land, das so viele Flüchtlinge aufgenommen hat wie kein anderes!

Mohammed hat kaum etwas aus seiner Heimat mitnehmen können. Wichtig ist ihm ein schon lange nicht mehr gültiger syrischer Geldschein, den er vor ein paar Jahren von einem Freund geschenkt bekam. Außerdem ein paar Visitenkarten von Restaurants, Ärzten und Anwälten in Damaskus.

In der einen Hand hält er den Geldschein, in der anderen die Visitenkarte seines Lieblings Cafés aus seinem früheren Leben als Student in Damaskus.

Foto: Michaela Kaiser

Weg von…hin zu

Mohammed war 7-8 Monate unterwegs plus die zwei Jahre illegal in Dubai. Überall habe er auch viel Hilfe erfahren und gute Menschen kennen gelernt. Insgesamt habe er ca. 10.000 Euro für seine Flucht ausgegeben. Geld, das er u.a. früher neben dem Studium und später in Dubai als Fischer verdient hat.

Wichtig war ihm immer, seine Reise zu beenden – „I wanted to complete my journey.“

Er hat gut Englisch sprechen gelernt. Nicht in der Schule, sondern auf seiner Reise und durch englisch-sprachige Musik. Das merkt man, wenn er Englisch schreibt. Er schreibt, wie man spricht.

Jetzt in Berlin

Wenn kein anderer Hinweis sind die Fotos in „Weg von… hin zu…“ von Mohammed Turaani